Hintergrund
Actovegin ist in Deutschland vor allem durch die Sportmedizin bekannt – als Mittel, mit dem verletzte Profis schneller aufs Feld zurückkehren sollen. Wissenschaftlich steht es an einem ungewöhnlichen Ort: Es ist seit Jahrzehnten in mehreren Ländern zugelassen, es gibt große randomisierte Studien dazu, und trotzdem bleibt unklar, was genau darin wirkt.
Der Grund ist die Herstellung. Kälberblut wird dialysiert und von Eiweißen befreit; zurück bleibt eine Mischung niedermolekularer Bestandteile. Ein Arzneimittel ohne definierten Wirkstoff lässt sich nicht auf dieselbe Weise prüfen wie ein Molekül.
Es ist kein Peptid. Der Eintrag steht hier, weil die Substanz im selben Umfeld auftaucht – nicht, weil sie in diese Stoffklasse gehört.
Diabetische Polyneuropathie: die beste Studie
Die belastbarste Untersuchung ist eine multizentrische, randomisierte, doppelblinde Studie an 567 Patienten mit Typ-2-Diabetes und symptomatischer Polyneuropathie (Ziegler et al., Diabetes Care 2009). Behandelt wurde 160 Tage lang: zunächst 2.000 mg/Tag intravenös, dann 1.800 mg/Tag oral.
Ergebnisse:
- Total Symptom Score der unteren Extremitäten: −0,56 Punkte gegenüber Placebo (P = 0,0003)
- Vibrationsempfindungsschwelle: −5 % nach 160 Tagen (P = 0,017)
Beides ist statistisch signifikant und beides ist klein. Eine spätere Auswertung derselben Studie (Ziegler et al., J Diabetes Complications 2017) fand eine bessere Ansprechchance unter Actovegin mit Odds Ratios zwischen 1,73 und 1,94.
Schlaganfall: ein positives Ergebnis, das offen bleibt
Die ARTEMIDA-Studie (Guekht et al., Stroke 2017) untersuchte kognitive Einschränkungen nach ischämischem Schlaganfall: 12 Monate, multizentrisch, doppelblind, placebokontrolliert, 248 Teilnehmende unter Actovegin, 255 unter Placebo. Dosis: 2.000 mg/Tag intravenös für bis zu 20 Infusionen, anschließend 1.200 mg/Tag oral über sechs Monate, danach sechs Monate Nachbeobachtung.
Primärer Endpunkt nach sechs Monaten (ADAS-cog): −6,8 Punkte unter Actovegin gegenüber −4,6 unter Placebo, Behandlungsunterschied −2,3 (P = 0,005).
Die Einschränkungen stehen in derselben Publikation: Häufigstes schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis war ein erneuter ischämischer Schlaganfall, numerisch – aber nicht signifikant – häufiger unter Actovegin. Die Autoren selbst schreiben, das Ergebnis bedürfe der Bestätigung durch weitere, robust angelegte Studien.
Diese Bestätigung ist bislang nicht eingetreten. Eine systematische Übersicht (la Fleur et al., PLoS One 2022) wertete fünf Studien mit insgesamt 3.879 Patienten aus, davon 720 unter Actovegin, mit Behandlungsdauern von 10 bis 180 Tagen. Fazit: keine konsistente Evidenz für verbessertes Überleben, bessere Lebensqualität oder gebesserte neurologische Symptome.
Sportmedizin: der schwächste Teil
Ausgerechnet die Anwendung, für die Actovegin in Deutschland bekannt ist, hat die dünnste Datenlage.
Eine Pilotuntersuchung (Lee et al., Int J Sports Med 2011) berichtet, behandelte Sportler seien acht Tage früher ins Training zurückgekehrt als eine nur physiotherapeutisch betreute Vergleichsgruppe (p = 0,033). Es handelt sich um eine Pilotstudie ohne die Kontrollen, die man für eine belastbare Aussage bräuchte.
Daneben existieren Zellversuche: In einer C2C12-Myoblastenkultur verbesserte Actovegin in fünf Konzentrationen (1 bis 250 µg) die Zellproliferation, erkennbar an erhöhter Ki67-Bildung und größeren Myotuben (Reichl et al., Int J Sports Med 2017). Das ist eine Beobachtung in der Petrischale, keine Aussage über Muskelheilung im Menschen.
Zulassung und Verfügbarkeit
Der Status unterscheidet sich stark nach Land. Nach dem österreichischen Beipacktext für Actovegin 200 mg Injektionslösung ist das Präparat dort zur Behandlung der Symptome einer Demenz und zur Behandlung der Symptome einer diabetischen Polyneuropathie zugelassen; als schwerwiegendste Nebenwirkungen werden allergische Reaktionen genannt, die in seltenen Fällen (weniger als 1 von 1.000) auftreten.
Für Deutschland berichten die abgerufenen journalistischen Quellen (correctiv.org, Doping-Archiv), die Zulassung der Infusionslösung sei zum 1. Januar 2009 zurückgenommen worden und das Präparat werde seither über Auslandsimport bezogen. Eine amtliche Bestätigung dieser Angabe konnte in dieser Recherche nicht abgerufen werden – wer sich darauf beruft, sollte den aktuellen Status vor Ort prüfen. In den USA ist die Einfuhr nach denselben Quellen untersagt.
Doping
Das Zentrum für Präventive Dopingforschung der Deutschen Sporthochschule Köln hält in seinem Doping-Lexikon fest: „Nach dem Dopingreglement der Welt Anti-Doping Agentur (WADA) ist die Anwendung von Actovegin® nicht verboten!"
Die Substanz selbst steht also nicht auf der Verbotsliste. Das sagt nichts darüber aus, ob eine bestimmte Verabreichungsform im Wettkampf zulässig ist – dafür gelten die allgemeinen Methodenregeln, die hier nicht im Detail geprüft wurden.
Einordnung
Actovegin ist der Gegenentwurf zu den Research-Peptiden in dieser Datenbank: ein altes, zugelassenes, in großen Studien geprüftes Präparat – mit kleinen, uneinheitlichen Effekten und ohne bekannten Wirkmechanismus im molekularen Sinn.
Am ehesten belegt ist der Nutzen bei diabetischer Polyneuropathie, in einer Größenordnung, die man ehrlich als moderat bezeichnen muss. Beim Schlaganfall steht eine positive Einzelstudie gegen eine systematische Übersicht ohne konsistente Evidenz. Für die sportmedizinische Anwendung, die den Ruf des Präparats begründet hat, existiert im Wesentlichen eine Pilotstudie.

