Hintergrund
Die GLP-1-basierten Wirkstoffe haben erst den Diabetes- und dann den Adipositas-Markt verändert. Tirzepatid (Mounjaro) war der erste zugelassene Wirkstoff, der gleichzeitig den GIP- und den GLP-1-Rezeptor aktiviert. Mit Brenipatide (LY3537031) hat Eli Lilly einen weiteren GIP/GLP-1-Doppelagonisten in der Entwicklung, mit längerer Halbwertszeit und einer ungewöhnlichen Ausrichtung.
Lilly prüft Brenipatide vor allem bei Sucht- und psychiatrischen Erkrankungen. Der Hersteller begründet das mit der Inkretin-Biologie und ihrer möglichen Bedeutung für die Ursachen dieser Erkrankungen (Psychiatric Times, 18.09.2026). Ob das beim Menschen trägt, ist offen: Wirksamkeitsergebnisse liegen noch nicht vor.
Wirkmechanismus
Allgemeiner Hintergrund zur Wirkstoffklasse, nicht spezifisch für Brenipatide belegt:
- GLP-1-Rezeptor: glukoseabhängige Insulinfreisetzung, Hemmung von Glucagon, verlangsamte Magenentleerung, zentrale Sättigungssignale
- GIP-Rezeptor: verstärkt die Insulinfreisetzung und wirkt auf das Fettgewebe; in Kombination mit GLP-1 der Wirkansatz von Tirzepatid
Spezifisch für Brenipatide ist bisher nur die lange Wirkdauer belegt: In der Phase-I-Studie lag die mittlere Halbwertszeit bei 9,08 bis 12,5 Tagen, am längsten bei der höchsten Dosis von 4,5 mg. Bei 4,5 mg lag die Plasmakonzentration an Tag 78 noch über 1.000 ng/ml (GEN, 19.09.2026). Lilly sieht in der längeren Halbwertszeit einen Teil dessen, was die Substanz von anderen unterscheidet.
Was die Forschung untersucht
Phase I (NCT06606106): Mehrfach-Dosis-Studie bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas und bei Gesunden, vorgestellt als Poster auf dem Psych Congress 2026. Laut Berichten: 212 Teilnehmende (184 Brenipatide, 28 Placebo), wöchentliche subkutane Dosen von 0,3 bis 4,5 mg. Ziel war, eine Dosierung für Sucht-, psychiatrische und immunologische Erkrankungen zu finden. Daten zum Körpergewicht wurden dabei nicht vorgestellt (BioSpace, 22.09.2026). Im Studienregister sind noch keine Ergebnisse eingetragen.
Phase III, laufend (Angaben aus ClinicalTrials.gov):
| Studie | Erkrankung | Teilnehmende (geplant) | Hauptzielgröße | Abschluss (geschätzt) |
|---|---|---|---|---|
| RENEW-ALC-1 | Alkoholkonsumstörung, mittel bis schwer | 1.100 | Trinkmuster (Timeline Followback), bis 56 Wochen | April 2028 |
| RENEW-ALC-2 | Alkoholkonsumstörung | 1.100 | Trinkmuster (Timeline Followback), 56 Wochen | April 2028 |
| RENEW-MDD-1 | Depression, zusätzlich zur Standardtherapie | 1.000 | Zeit bis zum Rückfall | Februar 2028 |
Phase II, laufend: bipolare Störung (RENEW-Bipolar-1, 400 geplant, Zeit bis zum Rückfall), Opioidabhängigkeit ergänzend zu Buprenorphin (RENEW-Op-1, 465 geplant, Wochen ohne Opioidkonsum), Rückfallvorbeugung nach Rauchstopp (RENEW-Smk-1, 222 geplant, CO-bestätigte Abstinenz über 24 Wochen). Laut Lilly kommen Phase-II-Programme zu Schizophrenie, Asthma, Reizdarm und COPD hinzu.
Die Ergebnisse zur Alkoholkonsumstörung erwartet Lilly bis Mitte 2028 (Psychiatric Times).
Was wir nicht wissen
- Wirksamkeit: Für keine Erkrankung gibt es bisher Wirksamkeitsdaten am Menschen. Alle Phase-II- und Phase-III-Studien laufen noch.
- Dosierung in den Zulassungsstudien: Dosis und Abstand der Injektionen sind in den Studienregistern nicht angegeben. Angaben zu „einmal monatlich“ in Sekundärquellen sind nicht belegt.
- Körpergewicht und Stoffwechsel: Die Phase-I-Studie hat das Gewicht gemessen, veröffentlicht sind die Werte aber nicht.
- Langzeitsicherheit: Nicht bekannt. Die Phase-I-Daten reichen für seltene Nebenwirkungen nicht aus.
- Veröffentlichung: Die Phase-I-Daten stammen bisher aus einem Kongress-Poster und Presseberichten, nicht aus einer begutachteten Fachveröffentlichung.
Wichtige Hinweise
Aus der Phase-I-Studie berichtet (GEN, BioSpace):
- Keine Todesfälle, keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse
- Unerwünschte Ereignisse insgesamt: 57,6 % unter Brenipatide gegenüber 42,9 % unter Placebo
- Magen-Darm-Beschwerden: je 25 % in beiden Gruppen, also nicht häufiger als unter Placebo
- Dysästhesie (Missempfindungen der Haut): 15,2 % unter Brenipatide, 0 % unter Placebo
- Abbruch wegen Nebenwirkungen: 4 Teilnehmende (2,2 %)
Für die Wirkstoffklasse der GLP-1-Agonisten sind weitere Risiken bekannt, etwa Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Gallenprobleme. Ob sie für Brenipatide gelten, ist mangels Daten offen (allgemeiner Hintergrund zur Wirkstoffklasse).
Rechtlicher Status (Deutschland)
Brenipatide ist in Deutschland und weltweit nicht zugelassen (Stand September 2026). Es ist ein Prüfpräparat und nur im Rahmen klinischer Studien zugänglich. Angebote als „Research Chemical“ sind keine geprüften Arzneimittel; Herkunft, Reinheit und Gehalt sind dabei nicht gesichert.
Einordnung
Brenipatide ist wissenschaftlich interessant, weil Lilly damit prüft, ob ein Inkretin-Wirkstoff bei Sucht und psychischen Erkrankungen hilft, und das in großen, placebokontrollierten Phase-III-Studien. Belegt ist bisher aber nur wenig: Verträglichkeit und Halbwertszeit aus einer Phase-I-Studie, vorgestellt als Kongress-Poster. Ob Brenipatide Trinkverhalten, Rückfälle oder psychische Symptome beeinflusst, zeigen frühestens die Ergebnisse ab 2028.