Hintergrund
Die Khavinson-Bioregulatoren folgen einem gemeinsamen Schema: Jedem Organ wird ein kurzes Peptid zugeordnet – Vesugen den Gefäßen, Bronchogen den Bronchien, Cardiogen dem Herzmuskel. Der behauptete Mechanismus ist bei allen derselbe: Das Peptid soll in den Zellkern gelangen, an Histone und DNA binden und gewebetypische Gene an- oder abschalten.
Als Vorbild nennt das Cardiogen-Patent einen aus Tierherzen gewonnenen Polypeptid-Extrakt und zählt dessen Nachteile auf: aufwendige Gewinnung, geringe Ausbeute, schwankende Zusammensetzung, mögliche allergische Reaktionen. Das Tetrapeptid sollte als definierte, synthetische Substanz an seine Stelle treten. Angemeldet hat das Patent 2004 die St. Petersburger Firma Access Bioscience. Nach den Einträgen bei Google Patents ist es seit 2022 erloschen, weil die Aufrechterhaltungsgebühren nicht gezahlt wurden.
Sequenz. In allen abgerufenen Primärquellen steht dieselbe Sequenz, Ala-Glu-Asp-Arg (AEDR): im Patent, im Titel der Arbeit von 2012 und in den Übersichten von 2021 und 2022. Anders als bei Bronchogen widerspricht sich die Entwicklergruppe hier nicht. Der russische Registereintrag nennt dagegen nur die vier Aminosäuren eines „Peptidkomplexes AKS-K“, nicht ihre Reihenfolge; ob die Kapsel genau dieses Tetrapeptid enthält, geht daraus nicht hervor. Mindestens eine gesponserte Werbeseite gibt Cardiogen als AEDG an – das ist die Sequenz von Epitalon.
Namensverwechslung. Unter „CardioGen-82“ läuft in der medizinischen Literatur ein Rubidium-82-Generator für die PET-Herzbildgebung. Er hat mit dem Peptid nichts zu tun, taucht aber bei jeder Datenbanksuche nach dem Namen auf.
Was in Zellkulturen gemessen wurde
- Herzgewebe junger und alter Ratten. Chalisova et al. 2009 gaben Cardiogen in einer Konzentration von 10⁻¹² M auf Herzmuskel-Explantate 3 und 24 Monate alter Ratten. Laut Abstract regte es die Zellteilung in beiden Altersgruppen stark an und senkte die Expression des Proteins p53 – die Autoren deuten das als Hemmung des programmierten Zelltods. Zakutskii et al. 2006 berichteten für Herz-Explantate 3 Wochen und 18 Monate alter Ratten einen wachstumsfördernden Effekt bei 0,05 ng/ml und leiteten daraus bereits eine mögliche klinische Anwendung ab.
- Kulturen im Patent. Herz-Explantate geschlechtsreifer Ratten wuchsen nach drei Tagen bei 0,05 bis 10 ng/ml um 15 bis 27 Prozent stärker als die Kontrolle; bei 0,01 und 20 ng/ml war der Unterschied nicht signifikant. An isolierten Herzmuskelzellen unter Sauerstoffmangel senkte das Peptid (10 ng/ml) einen Atmungs-Stimulationskoeffizienten von 7,35 ± 0,26 auf 1,97 ± 0,26; die Anmelder führen das auf eine Hemmung der Succinat-Dehydrogenase zurück.
- Fibroblasten statt Herzzellen. Khavinson et al. 2012 zeigten an embryonalen Maus-Fibroblasten, dass AEDR die Zytoskelett-Proteine Aktin, Tubulin und Vimentin um das 2- bis 5-Fache und die Kernmatrix-Proteine Lamin A und C um das 2- bis 3-Fache steigerte. Die Autoren folgern, die früher beschriebene Herzschutzwirkung beruhe auf diesem Effekt – ein Schluss von Bindegewebszellen der Maus auf das Herz, den die Arbeit selbst nicht prüft. Kheifets et al. 2010 fanden in gealterten Kulturen menschlicher Prostata-Fibroblasten, dass Cardiogen – wie zwei andere getestete Peptide – die Signalmoleküle CXCL12, WEDC1 und Ghrelin hochregulierte. Ein „Herz-Peptid“, das in Prostatazellen wirkt, passt schlecht zur These strenger Gewebespezifität.
- Bindung an Histone und DNA. Fedoreyeva et al. 2013 wiesen per Fluoreszenzlöschung nach, dass AEDR – zusammen mit fünf weiteren Khavinson-Peptiden – an Histone aus Weizen bindet. Eine Übersicht von 2021 führt AEDR außerdem unter den Peptiden, die die Spaltung von Phagen-DNA durch eukaryotische Endonukleasen veränderten. Am Computer modellierten Khavinson et al. 2022 und 2023, dass AEDR gut in die Bindestellen der Transporter LAT1, LAT2 und PEPT1 passt. Die tatsächliche Aufnahme in Zellen wurde nicht gemessen.
Was im Abstract von 2012 nicht steht: die eingesetzte Konzentration. Wer die Zahlen nachvollziehen will, braucht den Volltext.
Tierversuche
Herzinfarkt-Modell (Ratte). Die zentrale Zahl stammt aus dem US-Patent: 40 Ratten, Ligatur der linken Koronararterie, 0,05 µg AEDR pro Tier intraperitoneal 1, 3 und 5 Stunden nach dem Verschluss. Laut Tabelle starben in den ersten 24 Stunden 9 von 20 Kontrolltieren (45 Prozent) und 3 von 20 behandelten (15 Prozent); einen statistischen Test für die Sterblichkeit nennt das Patent nicht. Die Nekrosezone war kleiner – 38,1 ± 1,8 gegenüber 44,1 ± 1,7 Prozent der Kammermasse nach 6 Stunden, 49,6 ± 1,6 gegenüber 56,2 ± 1,4 Prozent nach 24 Stunden –, der Glykogengehalt des Herzmuskels lag nach 6 Stunden bei 1,05 ± 0,12 gegenüber 0,36 ± 0,07 g/kg. Ein elektronenmikroskopischer Index der Mitochondrien-Struktur erreichte 93,2 ± 2,3 gegenüber 41,5 ± 2,4. Die Übersicht von Khavinson et al. 2022 zitiert diese Daten als dreifach geringere Sterblichkeit – Quelle ist allein das Patent.
Isoliertes Herz. Am isolierten Meerschweinchen-Herz nach 30 Minuten vollständiger Ischämie half AEDR nur in einem schmalen Konzentrationsfenster. Bei 0,005 µg/ml erreichte die Kontraktionsamplitude nach 30 Minuten Reperfusion 93 ± 5 Prozent des Ausgangswerts gegenüber 75 ± 8 Prozent in der Kontrolle. Bei 0,01 µg/ml lag sie mit 64 ± 3 Prozent und bei 0,05 µg/ml mit 32 ± 9 Prozent signifikant unter der Kontrolle. Am isolierten Rattenherz dasselbe Bild: 75 ± 12 gegenüber 43 ± 7 Prozent bei 0,005 µg/ml, aber nur 36 ± 10 Prozent bei 0,05 µg/ml, dazu eine Kontraktur von 2,5 ± 0,3 gegenüber 1,2 ± 0,5 mm (ohne Signifikanzangabe). Das Patent erwähnt die Verschlechterung bei höheren Konzentrationen im Text nicht.
Weitere Patent-Modelle (Ratte).
- Adrenalin-Schaden (2 mg/kg Adrenalin, danach 0,05 µg AEDR pro Tier nach 1 und 5 Stunden): Der Lipidperoxidations-Marker Dienkonjugate lag nach 24 Stunden bei 110 ± 17 gegenüber 176 ± 24, der Glykogengehalt blieb erhalten.
- Vergiftung mit dem Industriegift TMTD (20 Tage, AEDR 0,05 µg pro Tier intramuskulär in den letzten 10 Tagen): Das Kern-Plasma-Verhältnis der Herzmuskelzellen stieg von 0,16 ± 0,02 auf 0,28 ± 0,03, der Bindegewebsanteil sank von 0,218 auf 0,180 cm³/cm³.
- Calciumchlorid-Arrhythmie (je 10 Tiere, einmalig 0,05–1,0 µg/kg): Bei 0,2 µg/kg lag die Häufigkeit von Kammerflimmern bei 35,2 statt 60,0 Prozent, die vertragene Arrhythmogen-Dosis verdoppelte sich von 220 auf 440 mg/kg, und 3 statt 7 von 10 Tieren starben (ohne Signifikanzangabe). Bei 1,0 µg/kg war kein signifikanter Effekt mehr nachweisbar. Wie Prozentwerte wie 35,2 bei zehn Tieren pro Gruppe zustande kommen, erklärt das Patent nicht.
Patentdaten sind keine begutachteten Publikationen. Sie zeigen, was der Anmelder gemessen hat, nicht, was unabhängig bestätigt wurde.
Tumormodell (alte Ratten). Levdik und Knyazkin 2009 gaben Cardiogen alten Ratten mit transplantiertem M-1-Sarkom. Laut Abstract hemmte es das Tumorwachstum dosisabhängig, und zwar über blutige Nekrosen und vermehrten Zelltod im Tumor, nicht über eine direkte Hemmung der Zellteilung; die Autoren vermuten einen Angriff über das Gefäßnetz des Tumors. Dosen, Tierzahlen und Applikationsweg nennt das Abstract nicht. Händlerseiten schreiben, das Peptid habe in solchen Modellen gesundes Gewebe geschont – Händleraussage, Primärquelle nicht auffindbar; im Abstract steht das nicht.
Was am Menschen bekannt ist
Nichts Belastbares. Eine PubMed-Suche nach dem Namen in Titel und Abstract ergibt 19 Treffer; vier davon betreffen das Peptid, keiner ist eine Humanstudie, der Rest betrifft andere Themen, etwa den gleichnamigen Rubidium-Generator. Auch die Suchen nach der Sequenz liefern zum Peptid nur Zellkultur-, Labor-, Computer- und Übersichtsarbeiten. Im Register ClinicalTrials.gov gibt es keinen Eintrag zu diesem Peptid; die Treffer für „Cardiogen“ betreffen CardioGen-82 und fachfremde Studien. Das Patent enthält keine Patientendaten und empfiehlt die Substanz lediglich „für klinische Studien“.
Die Gebrauchsinformation des russischen Nahrungsergänzungsmittels behauptet, „klinische Studien“ hätten gezeigt, dass die enthaltenen Peptide den Stoffwechsel der Herzmuskelzellen verbessern, die Pumpfunktion bei koronarer Herzkrankheit stärken und die Belastbarkeit erhöhen. Studien nennt der Text nicht – Herstelleraussage, Primärquelle nicht auffindbar. Laut derselben Gebrauchsinformation wird das Präparat im Auftrag von Access Bioscience hergestellt, also der Firma, die auch das Patent angemeldet hat.
Sicherheit
Aus dem Patent: Mäuse vertrugen eine einzelne intramuskuläre Gabe von 1–5 mg/kg ohne toxische Reaktionen. Die Anmelder nennen das das 5000-Fache der therapeutischen Dosis, ohne diese ausdrücklich anzugeben; rechnerisch wären es 1 µg/kg. Ratten erhielten 90 Tage, Meerschweinchen sechs Monate lang täglich 1 µg/kg, 0,1 mg/kg oder 1 mg/kg intramuskulär; beschrieben werden keine krankhaften Veränderungen. Bei den Meerschweinchen unter 1 µg/kg stieg die Leukozytenzahl signifikant (11,2 gegenüber 9,4 × 10⁹/l nach drei, 11,9 gegenüber 9,6 × 10⁹/l nach sechs Monaten, je 24 Tiere). Blutwerte der beiden höheren Dosisgruppen zeigt die Tabelle nicht.
Zwei Befunde aus den eigenen Daten des Patents bekommen dort wenig Aufmerksamkeit: Am isolierten Herzen verschlechterte schon die doppelte bis zehnfache wirksame Konzentration die Erholung nach Ischämie unter das Niveau unbehandelter Herzen, und im Arrhythmie-Modell verschwand der Effekt bei der höchsten Dosis. Die Wirkung steigt also nicht einfach mit der Dosis, und ein sicherer Bereich am Menschen ist unbekannt.
Hinzu kommt ein bekanntes Muster: In Herzgewebe-Kulturen regte Cardiogen die Zellteilung an und senkte p53, im Sarkom-Modell bremste es dagegen das Tumorwachstum. Studien zur Krebsentstehung oder Beobachtungen über sechs Monate hinaus sind in keiner abgerufenen Quelle beschrieben.
Der russische Registereintrag nennt als Gegenanzeigen individuelle Unverträglichkeit, Schwangerschaft und Stillzeit und gibt Nebenwirkungen als „nicht festgestellt“ an. Die Übersicht von 2022 behauptet für kurze Peptide pauschal, sie lösten weder Allergien noch Nebenwirkungen aus; Daten dazu enthält die Arbeit nicht.
Was fehlt: jede Sicherheitsangabe am Menschen, jede Angabe zu Injektionen beim Menschen, jede Wechselwirkungsprüfung mit Herzmedikamenten.
Rechtlicher Status
Deutschland / EU / USA: keine Zulassung als Arzneimittel bekannt; ein legaler Vertrieb als Nahrungsergänzungsmittel ist nicht bekannt. Angebote sind Research-Chemicals ohne Arzneimittelstandard.
Russland: Als Nahrungsergänzungsmittel „Kardiogen“ der Firma-Vita registriert (staatliche Registrierungsbescheinigung Nr. 77.99.23.3.У.904.2.08 vom 07.02.2008, Beschreibung im RLS-Register vom 17.10.2012). Kapseln zu 0,2 g mit 100 µg Peptidkomplex; die Gebrauchsinformation hält ausdrücklich fest, dass es kein Arzneimittel ist. Der Registereintrag ordnet es dem ICD-10-Code I25.9 zu, der chronischen ischämischen Herzkrankheit.
Patent: US 7,662,789 ist seit 2022 erloschen.
Doping: Die WADA-Verbotsliste 2026 verbietet in der Auffangklasse S0 jederzeit jede pharmakologische Substanz, die in keiner anderen Klasse erfasst ist und keine behördliche Zulassung für die Anwendung am Menschen hat. Eine Arzneimittelzulassung für Cardiogen wurde in keiner abgerufenen Quelle gefunden.
Einordnung
Cardiogen hat für ein Khavinson-Peptid ungewöhnlich konkrete Tierdaten: ein Infarktmodell mit Sterblichkeitszahlen, Versuche am isolierten Herzen, ein Arrhythmie-Modell, Toxikologie über sechs Monate. Fast alles davon steht allerdings in einer Patentschrift, nicht in begutachteten Publikationen, und die späteren Übersichten der Gruppe stützen die Herzschutzwirkung allein auf dieses Patent. Zwei der vier veröffentlichten Zellarbeiten nutzen Herzgewebe von Ratten, die anderen beiden Fibroblasten aus Maus und menschlicher Prostata; menschliche Herzmuskelzellen wurden in keiner abgerufenen Arbeit untersucht.
Dagegen steht: Alle Daten stammen aus einem Institut und dessen Umfeld, keine unabhängige Arbeitsgruppe hat die Befunde wiederholt, die Herkunft des Peptids wird in den eigenen Quellen unterschiedlich dargestellt, die Wirkung am isolierten Herzen kippt schon bei wenig höherer Konzentration ins Negative, und es gibt keinen einzigen dokumentierten Menschen. Kapsel und Injektionsfläschchen beruhen nicht auf Humanstudien, sondern auf Tierversuchen, deren Übertragbarkeit niemand geprüft hat.