Wofür HGH zugelassen ist
Somatropin ist in der EU laut dem Beurteilungsbericht der Arzneimittelagentur für klar umrissene Fälle zugelassen. Bei Kindern und Jugendlichen sind das Wachstumsstörungen durch unzureichende Wachstumshormonproduktion, das Turner-Syndrom, chronische Niereninsuffizienz, Kleinwuchs nach Geburt als „small for gestational age" ohne Aufholwachstum bis zum vierten Lebensjahr sowie das Prader-Willi-Syndrom zur Verbesserung von Wachstum und Körperzusammensetzung.
Bei Erwachsenen beschränkt sich die Zulassung auf die Ersatztherapie bei ausgeprägtem Wachstumshormonmangel. Dieser muss durch einen Stimulationstest nachgewiesen sein.
Eine Zulassung für Anti-Aging, Muskelaufbau, Leistungssteigerung oder Veränderung der Körperzusammensetzung bei gesunden Erwachsenen existiert nicht – weder in der EU noch in den USA.
Woher der Anti-Aging-Ruf stammt
Der Ausgangspunkt ist eine einzige Arbeit: 1990 veröffentlichte Daniel Rudman im New England Journal of Medicine eine Studie an 21 Männern zwischen 61 und 81 Jahren mit niedrigem IGF-1-Spiegel. Zwölf von ihnen erhielten sechs Monate lang etwa 0,03 mg Wachstumshormon pro Kilogramm dreimal wöchentlich, neun blieben unbehandelt. Bei den Behandelten stieg die Magermasse um 8,8 %, die Fettmasse sank um 14,4 %, die Knochendichte der Lendenwirbel nahm um 1,6 % zu und die Hautdicke um 7,1 %. An Radius und proximalem Femur änderte sich die Knochendichte nicht signifikant, in der Kontrollgruppe blieb alles unverändert.
Diese Arbeit löste eine ganze Industrie aus – Anti-Aging-Kliniken und Bücher mit Titeln wie „Grow Young with HGH" beriefen sich darauf. Was dabei unterging: Die Studie umfasste 21 Männer, lief sechs Monate und maß Körperzusammensetzung, nicht Gesundheit oder Lebensdauer.
Was die Zusammenschau der Studien ergibt
2007 werteten Liu und Kollegen im Annals of Internal Medicine alle verfügbaren randomisierten Studien zu Wachstumshormon bei gesunden Älteren aus: 18 Studien mit 508 Teilnehmern, Durchschnittsalter 68 Jahre, Behandlungsdauer zwischen 2 und 52 Wochen.
Das Ergebnis bestätigt Rudmans Befund zur Körperzusammensetzung und begrenzt ihn zugleich:
- Magermasse: +2,13 kg (95-%-Konfidenzintervall 1,32 bis 2,94)
- Fettmasse: −2,08 kg (95-%-Konfidenzintervall −2,80 bis −1,35)
- Kein bedeutsamer Unterschied bei Kraft, Knochendichte, Gesamtcholesterin oder funktioneller Leistungsfähigkeit
Zwei Kilogramm Muskelmasse ohne mehr Kraft – das ist der Kern des Befunds. Demgegenüber standen deutlich erhöhte Raten an Nebenwirkungen: Weichteilödeme, Karpaltunnelsyndrom, Gelenkschmerzen und Gynäkomastie traten unter Wachstumshormon signifikant häufiger auf. Auffälligkeiten im Glukosestoffwechsel waren häufiger, verfehlten aber die statistische Signifikanz.
Das Fazit der Autoren im Wortlaut: Wachstumshormon „cannot be recommended as an anti-aging therapy".
Sicherheit
Die in den Zulassungstexten genannten häufigen Nebenwirkungen bei Erwachsenen sind periphere Ödeme, Parästhesien sowie Gelenk- und Muskelschmerzen mit Steifigkeit. Bei Kindern treten sie seltener auf.
Als Gegenanzeigen nennt der EU-Beurteilungsbericht insbesondere eine aktive Tumorerkrankung und akut lebensbedrohliche Zustände; zur Wachstumsförderung bei bereits geschlossenen Wachstumsfugen darf es ebenfalls nicht eingesetzt werden.
Der Zusammenhang zwischen der GH-IGF-1-Achse und Tumorwachstum ist der Grund, warum die Anwendung bei Gesunden nicht als harmlose Optimierung betrachtet werden kann.
Rechtlicher Status
Somatropin ist in Deutschland zugelassen und verschreibungspflichtig. Die Zulassung läuft über das zentrale EU-Verfahren – die Europäische Kommission erteilte etwa für Omnitrope am 12. April 2006 eine Genehmigung, die in der gesamten Union gilt und damit kein zusätzliches nationales Verfahren erfordert. In der Roten Liste sind entsprechend mehrere Präparate mit deutscher Fachinformation geführt, darunter Genotropin, Norditropin, Humatrope und Saizen. Angewendet werden darf es nur nach ärztlicher Verordnung und bei gesicherter Indikation. Wegen der Doping-Relevanz tragen die Produktinformationen nach § 7 des Anti-Doping-Gesetzes einen entsprechenden Hinweis.
Im Sport steht Wachstumshormon auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur unter S2 (Peptidhormone, Wachstumsfaktoren, verwandte Substanzen und Mimetika) – verboten sind ausdrücklich auch Analoga und Fragmente sowie langwirksame Varianten wie Somapacitan, Lonapegsomatropin und Somatrogon. Das Verbot gilt jederzeit, nicht nur im Wettkampf.
Einordnung
HGH ist ein Sonderfall in dieser Datenbank: keine dünne präklinische Evidenz, sondern ein etabliertes Arzneimittel, das bei nachgewiesenem Mangel wirksam und sinnvoll ist.
Genau diese Wirksamkeit im Mangelfall wird im Graumarkt auf Gesunde übertragen – und dort trägt sie nicht. Die vorhandenen Studien zeigen bei gesunden Älteren eine messbare Verschiebung der Körperzusammensetzung ohne funktionellen Gewinn, erkauft mit einer erhöhten Nebenwirkungsrate. Wer HGH ohne diagnostizierten Mangel anwendet, bewegt sich außerhalb jeder Zulassung, ohne Studienbeleg für einen Nutzen und mit dokumentierten Risiken.

