Hintergrund
Die Khavinson-Bioregulatoren folgen einem gemeinsamen Muster: Aus Organextrakten wurden kurze Peptide abgeleitet, synthetisch nachgebaut und jeweils einem Gewebe zugeordnet. Der behauptete Mechanismus ist bei allen derselbe: Das Peptid soll in den Zellkern gelangen, an DNA binden und die Ablesung gewebetypischer Gene anstoßen.
Bei Ovagen ist schon die Zuordnung uneinheitlich. Das Patent von 2006/2007 beschreibt Glu-Asp-Leu als Peptid, das die Regeneration von Lebergewebe anregt. Die später in Fachzeitschriften veröffentlichten Arbeiten zu EDL handeln dagegen fast ausschließlich von der Niere; in einer Zellkulturstudie von 2014 heißt das Peptid schlicht „T-35". Die Übersichtsarbeiten der Gruppe führen beides auf: 2022 als „Nephroprotektor" und „Hepatoprotektor", 2021 als Regulator der Nierenzellfunktion mit „Hepatoprotektion". Die Übersicht von 2021 belegt diesen Eintrag allerdings nur mit einer einzigen Quelle, und die ist eine Nierenzell-Studie, in deren Abstract die Leber nicht vorkommt.
Eine Zuordnung zum Magen-Darm-Trakt, wie Online-Peptidportale sie angeben, findet sich in keiner abgerufenen Primärquelle. Dasselbe gilt für Community-Beiträge, die Ovagen als Bioregulator der Eierstöcke beschreiben. Zur Verwirrung trägt bei, dass „Ovagen" auch der Handelsname eines neuseeländischen Gonadotropin-Präparats mit hohem FSH-Anteil ist, das in der Tierzucht zur Superovulation verwendet wurde (z. B. bei Ziegen: McNatty et al. 1989; Vergleich der Präparate: Henderson et al. 1990). Eine PubMed-Suche nach „Ovagen" liefert fast nur dieses Hormonpräparat; mit dem Tripeptid hat es nichts zu tun.
Was in Zell- und Organkulturen gemessen wurde
Leber (Patent). In Kulturen aus 27 Leberstücken von Wistar-Ratten wurde das Peptid in 1, 10 und 100 ng/ml zugesetzt. Bei 10 ng/ml war der Flächenindex der Explantate (Fläche samt Wachstumszone im Verhältnis zur Ausgangsfläche) am dritten Tag um 28 % größer als in der Kontrolle, nach sieben Tagen zeigte sich laut Patent ein ähnlicher Effekt. Für die anderen Konzentrationen nennt der Text keine Werte.
Niere. Khavinson et al. 2014 (Bull Exp Biol Med) untersuchten primäre Nierenzellkulturen während der Alterung im Reagenzglas. Laut Abstract aktivierten ein Nieren-Polypeptidkomplex und das Peptid AED die Zellerneuerung (gemessen über Ki-67 und p53), während die Gelatinase MMP-14 als Ziel von EDL beschrieben wird. Eine zweite, russischsprachige Arbeit derselben Gruppe aus dem gleichen Jahr berichtet, dass AED und EDL in jungen und gealterten Nierenzellkulturen die Zellteilung steigerten, die Alterungsmarker p16, p21 und p53 senkten und SIRT-6 erhöhten. Konzentrationen nennen beide Abstracts nicht.
DNA und Transporter – nur Computermodelle. Die russische Arbeit von 2014 berechnete, dass EDL bevorzugt in der kleinen Furche an die Sequenz d(ATATATATAT)₂ bindet. Eine Docking-Studie von 2016 ordnet EDL dagegen der Sequenz „ctcc" zu, gemeinsam mit Bronchogen. Beides sind Simulationen, keine Messungen, und sie kommen zu unterschiedlichen Bindungsstellen. Die Übersicht von 2022 führt für EDL berechnete Bindungswerte am Aminosäure-Transporter LAT1 auf und leitet daraus ab, dass solche Tripeptide über Transporter in Zellen gelangen könnten. Gemessen wurde das für EDL nicht.
Tierversuche
Leber (Patent). Zwei Rattenmodelle, beide nur im Patent beschrieben:
- Teilentfernung der Leber (zwei Drittel): 18 Ratten in drei Gruppen (gesund, operiert mit Kochsalzlösung, operiert mit Peptid), Auswertung nach 32 und 96 Stunden; 0,1 µg Peptid je Tier, 2 und 24 Stunden nach der Operation. Nach 96 Stunden lag der Mitoseindex bei 4,850 ± 0,336 % gegenüber 2,012 ± 0,146 % unter Kochsalzlösung, der Anteil sich teilender Zellen bei 9,513 ± 1,608 % gegenüber 5,429 ± 0,388 %, also rund 75 % höher. Der Anteil der Zellen in der DNA-Synthese-Phase unterschied sich nicht signifikant.
- Leberzirrhose durch sechs Monate Tetrachlorkohlenstoff-Inhalation: 45 Ratten, die Hälfte erhielt monatlich fünf Tage lang 0,5 µg je Tier. In der Peptidgruppe lag ALT bei 5,7 ± 0,78 statt 9,2 ± 1,2 mU/ml in der unbehandelten Kontrolle, AST bei 12,3 ± 1,9 statt 18,2 ± 1,3 mU/ml, das Gesamteiweiß bei 84,4 ± 3,4 statt 74,2 ± 2,1 g/l – jeweils nahe an den Werten gesunder Tiere. Der Glykogengehalt der Leberzellen, unter dem Gift etwa verdoppelt (8,21 ± 0,3 gegenüber 3,85 ± 0,1 bei Gesunden), lag mit Peptid bei 3,65 ± 0,1 Einheiten. Eine histologische Auswertung des Bindegewebsumbaus zeigt das Patent nicht.
Niere (Fachartikel). Drei Arbeiten einer Gruppe der Medizinischen Universität Czernowitz (Ukraine), jeweils gemeinsam mit dem Khavinson-Institut:
- Cisplatin-Nierenversagen (2015): EDL normalisierte laut Abstract Urinmenge, Kreatininausscheidung, glomeruläre Filtrationsrate und Natrium-Rückresorption und senkte die Eiweißausscheidung; die Autoren nennen den Effekt von EDL „ausgeprägt".
- Gentamicin-Schaden und Ischämie/Reperfusion (2017): EDL verhinderte laut Abstract die verminderte Urinbildung und den Anstieg harnpflichtiger Substanzen im Blut, senkte Eiweiß- und Natriumausscheidung und verhinderte einen kritischen Abfall der antioxidativen Enzyme.
- Alte Ratten (2018, russischsprachig): Unter EDL stieg die Natriumausscheidung um das 1,6-Fache; Urinmenge und distaler Natriumtransport stiegen in den Gruppen mit Nierenkomplex, AED und EDL um das 1,2- bis 1,4- bzw. 1,2- bis 1,3-Fache.
Dosis und Applikationsweg nennt keines der drei Abstracts.
Online-Peptidportale schreiben Ovagen eine Verminderung von Leberfibrose und einen Schutz der Magen-Darm-Schleimhaut zu und verweisen auf eine Arbeit in Experimental Gerontology von 2019. Eine solche Arbeit war auf PubMed nicht auffindbar. Händleraussage, Primärquelle nicht auffindbar.
Was am Menschen bekannt ist
Keine veröffentlichte Studie. Die PubMed-Suche nach Ovagen, Glu-Asp-Leu und EDL liefert keine Humanstudie zu diesem Peptid. Im Register ClinicalTrials.gov gibt es keinen Eintrag zu „Ovagen" oder „glutamyl-aspartyl-leucine".
Das einzige Material am Menschen steht im Patent selbst (Beispiel 6): 34 Patienten mit chronischer Hepatitis im Alter von 30 bis 56 Jahren, nach Angabe zufällig auf zwei Gruppen verteilt; 15 erhielten eine Standardbehandlung, die übrigen das Peptid intramuskulär einmal täglich über 10 Tage – 5,0 mg bei schwerem akutem Verlauf, 10,0 µg bei mittelschwerem, 1,0 µg in Remission. Berichtet werden:
- weniger Erschöpfung, mehr Appetit und Leistungsfähigkeit bei 89 %, weniger Schmerzen bei 53 % der Peptidgruppe;
- Bilirubin von 27,4 ± 1,7 auf 18,6 ± 1,4 unter Peptid gegenüber 22,3 ± 1,1 unter Standardbehandlung;
- ALT von 54,5 ± 4,9 auf 41,7 ± 2,9 gegenüber 46,2 ± 3,8;
- AST, Cholesterin und Triglyzeride praktisch unverändert.
Was diesem Beispiel fehlt: eine Verblindung oder ein Placebo, die Größe der drei Untergruppen, eine Begründung für den Dosisabstand von 1 µg bis 5 mg (Faktor 5000), plausible Einheiten (die Tabelle führt alle Werte, auch die Enzyme, in mmol/l) und jede Angabe zu Nebenwirkungen. Eine Veröffentlichung dieser Daten außerhalb des Patents war nicht auffindbar.
Sicherheit
Aus dem Patent: Mäuse vertrugen eine einzelne intramuskuläre Gabe von 1–5 mg/kg ohne toxische Reaktion. Ratten erhielten 90 Tage lang täglich 1 µg/kg, 0,1 mg/kg oder 1 mg/kg, Meerschweinchen dieselben Dosen über sechs Monate; beschrieben werden keine Nebenwirkungen, keine signifikanten Veränderungen der Blutwerte und keine krankhaften Organbefunde. Die Nierenstudie an alten Ratten (2018) wertet antioxidative Enzyme und Gewebebefunde als Hinweis, dass EDL die Niere nicht schädigt.
Der russische Registereintrag zur flüssigen Form „Ovagen lingval" nennt als Gegenanzeigen individuelle Unverträglichkeit, Schwangerschaft und Stillzeit. Die Zusammensetzung dieser Form gibt der Eintrag nicht an.
Was fehlt: jede systematische Sicherheitsauswertung am Menschen (auch das Patientenbeispiel im Patent äußert sich nicht zu Nebenwirkungen), Daten zur Pharmakokinetik, zu Wechselwirkungen und zur Langzeitanwendung. Ein Wirkstoff, dessen Patent ausdrücklich die Zellteilung in der Leber anregen soll, wäre gerade bei chronisch vorgeschädigtem Lebergewebe über lange Zeit zu beobachten. Solche Daten gibt es nicht.
Rechtlicher Status
Deutschland / EU / USA: keine Zulassung als Arzneimittel bekannt; ein legaler Vertrieb als Nahrungsergänzungsmittel ist nicht bekannt. Angebote sind Research-Chemicals ohne Arzneimittelstandard.
Russland: Das Register RLS führt „Ovagen" als Nahrungsergänzungsmittel in Kapseln zu 0,2 g und Tabletten zu 0,16 g und 0,3 g, beschrieben als „zusätzliche Quelle von Peptiden (Leucin, Glutaminsäure, Asparaginsäure)". Hersteller, Peptidgehalt je Einheit und Einnahmeempfehlung nennt der Eintrag nicht. Daneben ist eine flüssige Form „Ovagen lingval" gelistet (5–6 Tropfen unter die Zunge, drei- bis viermal täglich vor dem Essen, über einen Monat). Kein Arzneimittel.
Patent: Internationale Anmeldung WO 2007/139430 (Priorität 30.05.2006, Anmelder SIA Peptides), daraus das russische Patent 2297239 (2007) und ein eurasisches Patent. Ein Patent ist keine Zulassung und kein Wirksamkeitsnachweis.
Zur Dopingrelevanz wurden in den abgerufenen Quellen keine Angaben gefunden. Das ist keine Freigabe – die WADA-Liste arbeitet mit offenen Substanzklassen, eine namentliche Nennung ist nicht nötig, um verboten zu sein.
Einordnung
Für ein Khavinson-Peptid hat EDL eine vergleichsweise breite Tierdatenbasis: zwei Lebermodelle im Patent und drei Nierenstudien an Ratten in Fachzeitschriften, an denen mit der Gruppe aus Czernowitz auch ein zweites Institut beteiligt war. Die Leberdaten im Patent sind mit Mittelwerten und Streuungen dokumentiert.
Dagegen steht: Die Leberwirkung, mit der Ovagen gehandelt wird, ist nur im Patent beschrieben; eine begutachtete Veröffentlichung dazu war nicht auffindbar. Die begutachteten Arbeiten betreffen die Niere. Alle Daten tragen Khavinson als Mitautor, eine unabhängige Wiederholung war nicht auffindbar. Der Name ist doppelt belegt, das Zielorgan wechselt je nach Quelle, und die einzigen Menschendaten stammen aus einem Patentbeispiel ohne Angaben zu Verblindung und Nebenwirkungen. Wer Ovagen als Leber-Peptid liest, stützt sich auf ein Patent; wer es als Nieren-Peptid liest, auf Ratten und Zellkulturen. Am Menschen geprüft ist keins von beiden.